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Anschlagsverdacht in Blankenburg Pulver führt zu Großeinsatz

von Ingo Kugenbuch (MZ) / 04.05.2017,15:55 Uhr

Blankenburg -

Die Szenerie erinnerte an einen klassischen Hollywood-Katastrophenfilm: In der Blankenburger Stadtverwaltung taucht am Donnerstagmorgen ein Briefumschlag mit einem unbekannten Pulver auf. Sofort werden die Feuerwehren Blankenburg und Cattenstedt sowie Polizei und Rettungsdienst alarmiert. Später kommen der „Fachdienstführer ABC“ - ABC steht für atomare, biologische und chemische Gefahren - und der Erkundungswagen der Feuerwehr Halberstadt hinzu. Das Haus 3 der Stadtverwaltung, in dem sich unter anderem der Ordnungsbereich befindet, wurde evakuiert und gesperrt. Gesperrt wurden außerdem der Faktoreihof und die Harzstraße. 31 Feuerwehrleute, 3 Polizisten, 7 Mitarbeiter des Rettungsdienstes sowie ein Notarzt sind in Blankenburg im Einsatz.

 

Der Aufwand ist unnötig. Doch das stellt sich erst am Abend gegen 18.30 Uhr heraus. Zu diesem Zeitpunkt, am Vormittag, ist er jedoch keinesfalls übertrieben: Hätte es sich bei dem Pulver zum Beispiel um Milzbranderreger gehandelt, dann kann solch ein Anschlag tödlich enden. In den USA sind im Jahr 2001 mehrere Briefe mit den gefährlichen Sporen verschickt worden. Fünf Menschen starben daran. In einigen Ländern wurden mit Milzbrandbakterien sogar biologische Waffen hergestellt. In allen Fällen in Deutschland, in denen Briefe mit einem weißen Pulver verschickt worden sind, stellte es sich aber bald als harmlos heraus.

 

In Blankenburg sind an diesem Morgen zwei Mitarbeiterinnen und ein Mitarbeiter der Verwaltung mit dem Inhalt des verdächtigen Briefes in Kontakt gekommen. Laut Stadt werden sie „in Absprache mit dem Gesundheitsamt fachgerecht desinfiziert“ und vom Rettungsdienst vorsorglich ins Quedlinburger Harzklinikum gebracht. Auch ihre Büros - insgesamt arbeiten 15 Menschen in dem betroffenen Gebäude - werden desinfiziert. Das aber reicht noch nicht. Denn in die Klinik dürfen sie schließlich nur nach einer gründlichen Dekontamination, wie die Reinigung in einer speziellen Schleuse genannt wird.

 

Dafür werden die spezialisierten Feuerwehren aus Güsten und Hoym angefordert. Während der Krankenhausbetrieb auf der Vorderseite des Harzklinikums in Quedlinburg wie gewohnt läuft, bauen am Nachmittag auf der Rückseite des Hauses direkt vor der Notaufnahme die ABC-Experten die Reinigungsschleuse auf. Stunde um Stunde stehen die Rettungswagen mit den betroffenen Stadtmitarbeitern in dem abgesperrten Bereich, ehe die drei gegen 15.30 Uhr ins Krankenhaus dürfen. „Wir haben sie geduscht übergeben bekommen“, sagt Klinikum-Sprecher Tom Koch. In einem separaten Raum werden sie dann versorgt, und hier warten sie auch, bis die erlösende Nachricht kommt: „Es ging keine Gefährdung von dem Pulver aus“, sagt Manuel Slawig, der Sprecher des Landkreises Harz, am Abend, als die Untersuchungsergebnisse des Landesamtes für Verbraucherschutz vorliegen. „Es wurden keine relevanten Erreger nachgewiesen.“

Wer den Brief versendet hat und warum er das tat, ist noch unklar. Wie Michael Fricke, Leitender Einsatzbeamter im Polizeirevier Harz, der MZ sagte, habe in dem Kuvert auch ein „völlig konfuses“ Schreiben gelegen. Gerichtet war das Ganze jedenfalls an den Ordnungsbereich der Stadtverwaltung - dort, wo auch die Knöllchen vergeben werden. Wollte sich jemand für einen Strafzettel rächen? „Das“, sagt Fricke, „ist ein möglicher Ermittlungsansatz.“